Britische Inflation verharrt auf hohem Niveau: Eine Analyse der September-Daten

Die britische Wirtschaft steht weiterhin im Zeichen der Teuerung. Entgegen den Erwartungen von Ökonomen und der Bank of England ist die Inflationsrate im September nicht gesunken, sondern verharrte unverändert bei 3,8%. Diese Stagnation auf einem Niveau, das fast doppelt so hoch ist wie das offizielle Inflationsziel der Notenbank von 2%, sorgt für Ernüchterung und wirft kritische Fragen zum weiteren geldpolitischen Kurs auf. Die Daten der Office for National Statistics (ONS) markieren eine Phase der Persistenz, nachdem die Rate nun bereits drei Monate in Folge nahezu unverändert geblieben ist.

Die Kerninflation als heimlicher Störenfried

Während die Gesamtinflation überraschend stabil blieb, liefert ein Blick auf die Kerninflation, die volatile Preise für Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak ausklammert, ein differenzierteres Bild. Sie fiel zwar leicht auf 3,5% gegenüber 3,6% im Vormonat, verharrt damit aber ebenfalls auf einem deutlich erhöhten Niveau. Diese Stabilität der Kerninflation ist für die Währungshüter der Bank of England von besonderer Bedeutung, da sie als Indikator für längerfristige inflationäre Tendenzen gilt und weniger von kurzfristigen Schwankungen auf den Rohstoffmärkten beeinflusst wird.

Gemischte Signale: Die Treiber hinter den Zahlen

Laut Grant Fitzner, Chefvolkswirt des ONS, war die unveränderte Gesamtinflation das Ergebnis gegenläufiger Preisentwicklungen. Als größte Preistreiber erwiesen sich Kraftstoffpreise und Flugtickets. "Der Preisrückgang fiel im Vergleich zum Vorjahr geringer aus", so Fitzner. Diese inflationären Impulse wurden jedoch durch preisdämpfende Faktoren kompensiert.

Lichtblicke für die Verbraucher

Erstmals seit Mai des Vorjahres verzeichneten die Preise für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke einen Rückgang. Dies wird von vielen Verbrauchern als erste spürbare Entlastung seit Langem wahrgenommen. Zusätzlich sorgten niedrigere Preise für eine Reihe von Freizeit- und Kulturangeboten, darunter Live-Veranstaltungen, für einen Ausgleich. Diese Mischung aus anhaltendem Druck bei Mobilitätskosten und ersten Entspannungen im Alltags- und Freizeitkonsum charakterisiert die aktuelle, komplexe Lage.

Die Bank of England im Dilemma: Zinsentscheidung vor schwierigem Hintergrund

Die September-Daten sind die letzte Inflationsmeldung vor der nächsten Sitzung des Monetary Policy Committee (MPC) der Bank of England am 6. November. Die Ausgangslage für die Währungshüter könnte schwieriger nicht sein. Einerseits verharrt die Inflation hartnäckig hoch, andererseits zeigt das Wirtschaftswachstum mit einem mageren Plus von 0,1% im August kaum Dynamik. Die Gefahr einer Stagflation – also der Kombination aus stagnierender Wirtschaft und hoher Inflation – wird immer realer.

Die meisten Volkswirte gehen davon aus, dass die Bank of England den Leitzins unverändert bei 4% lassen wird. Eine Zinssenkung wäre angesichts der Inflationspersistenz ein zu riskantes Signal, eine weitere Anhebung könnte die ohnehin schwache Konjunktur weiter abwürgen. Die Bank befindet sich in einem Abwägungsprozess, bei dem sie die Risiken einer zu laxen Geldpolitik gegen die Gefahren einer übermäßigen Bremsung der Wirtschaft abwägen muss.

Warnung vor voreiligen Hoffnungen

George Brown, Senior Economist bei Schroders, warnt davor, die Situation zu unterschätzen. "Eine Inflation nahe 4% sollte ein Weckruf für die Märkte sein, die weiterhin zwei weitere Zinssenkungen für das nächste Jahr erwarten", so Brown. Seiner Einschätzung nach besteht die Gefahr, dass sich die hohe Inflation in Großbritannien aufgrund enttäuschender Produktivität und starrer Lohnwachstumsraten festsetzt. Seine Prognose ist drastisch: "Wir erwarten, dass die Bank of England die Zinsen bis Ende 2026 unverändert lassen wird, und wir schließen nicht aus, dass die nächste Zinsbewegung nach oben erfolgt."

Der Herbsthaushalt als entscheidender Faktor

Eine weitere Unsicherheit für die Geldpolitik stellt der für den 26. November angekündigte Herbsthaushalt der Regierung dar. Finanzministerin Rachel Reeves könnte Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen ankündigen, die tendenziell disinflationär, also preisdämpfend, wirken würden. Besonders spekuliert wird über eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Energie. Solche "zielgerichteten Maßnahmen" gegen die hohen Lebenshaltungskosten, die von Reeves angekündigt wurden, könnten die Inflationsprognose erheblich beeinflussen.

Sanjay Raja, Chefvolkswirt der Deutsche Bank für Großbritannien, betont die Bedeutung des Haushalts: "Meldungen über disinflationäre Maßnahmen haben an Dynamik gewonnen. Wir werden auch genau auf Ankündigungen zu Mehrwertsteueränderungen zusammen mit Änderungen der Kraftstoffsteuer achten – beides könnte erhebliche Auswirkungen auf unsere kurzfristigen Prognosen haben." Raja rechnet damit, dass die Verbraucherpreisinflation auf 3,4% fallen wird, bevor sie sich 2026 auf 2,6% abkühlt. Das offizielle Ziel von 2% sieht er erst 2027 in Reichweite.

Fazit und Marktausblick: Was die persistente Inflation für die kommenden Wochen bedeutet

Die Stagnation der britischen Inflation im September ist mehr als nur eine enttäuschende Zahl – sie ist ein Signal für eine langanhaltende Phase gesamtwirtschaftlicher Herausforderungen. Für den Markt in den nächsten Wochen und Monaten bedeutet dies vor allem eines: anhaltende Unsicherheit und erhöhte Volatilität. Die Erwartung einer baldigen Zinswende durch die Bank of England wird deutlich zurückgeschraubt werden müssen. Anleger sollten sich auf einen "höher für länger"-Zinsumfeld einstellen, was insbesondere für den Immobiliensektor und stark verschuldete Unternehmen eine anhaltende Belastungsprobe darstellt.

Die Aufmerksamkeit wird sich nun auf zwei Termine konzentrieren: die Sitzung der Bank of England im November und den Herbsthaushalt Ende desselben Monats. Sollte die Regierung tatsächlich disinflationäre Maßnahmen wie eine Senkung der Energiesteuern auf den Weg bringen, könnte dies der Notenbank etwas Handlungsspielraum verschaffen. Ohne solche Maßnahmen und ohne ein baldiges Nachlassen der Lohnwachstumsdynamik bleibt der geldpolitische Spielraum extrem eingeschränkt. Der britische Pfund Sterling könnte von den hawkischen Erwartungen profitieren, während britische Aktien, insbesondere zyklische Werte, unter der Perspektive von Dauerhochzinsen und lahmer Konjunktur weiter leiden dürften. Die Inflationsdelle entpuppt sich zunehmend als ein hartnäckiges Plateau, von dem der Abstieg mühsamer wird als erhofft.

Video