Ein kritischer Gipfel: Können USA und China den Handelskrieg entschärfen?

Die Weltwirtschaft hält den Atem an. In einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen bereiten sich der US-Finanzminister Scott Bessent und Chinas Vizepremier He Lifeng auf ein hochrangiges Treffen in Malaysia vor. Das Ziel ist ebenso ehrgeizig wie dringend: die Abwendung einer neuen Eskalationsstufe im Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Der Auslöser ist eine drohende Verhundertfachung US-amerikanischer Zölle auf chinesische Importe, die für den 1. November angekündigt ist. Dieses Treffen ist nicht nur eine weitere Verhandlungsrunde, sondern ein entscheidender Test für die Stabilität der globalen Lieferketten und die Zukunft des internationalen Handels.

Malaysia: Neutrale Bühne für eine heiße Verhandlung

Die Wahl Malaysias als Austragungsort ist strategisch klug gewählt. Das südostasiatische Land ist ein bedeutender Exporteur, der eng mit beiden Nationen verflochten ist und selbst unter den aktuellen US-Zöllen von 19% leidet. Noch bedrohlicher ist eine separate, laufende nationale Sicherheitsprüfung der USA, die Zölle von bis zu 100% auf malaysische Halbleiter und Elektronikgeräte zur Folge haben könnte. Indem sie sich in Kuala Lumpur treffen, setzen Bessent und He ein Zeichen der gemeinsamen Betroffenheit und suchen auf neutralem Boden nach einer Lösung, die über ihre bilaterale Beziehung hinausreicht.

Die tickende Uhr: Ein Ablaufdatum und drohende Vergeltung

Der Zeitdruck ist enorm. Das bisherige Zollabkommen, das in monatelangen Verhandlungen in europäischen Städten ausgearbeitet wurde, läuft am 10. November aus. Dieses Abkommen hatte die Zölle von dreistelligen Prozentzahlen gesenkt und eine Phase relativer Ruhe eingeläutet. Sein bevorstehendes Ende schafft ein Machtvakuum, das beide Seiten zu füllen versuchen – notfalls auch mit neuen Strafmaßnahmen. US-Präsident Donald Trump hat klare Bedingungen gestellt: Sollte China seine neu eingeführten, umfassenden Exportbeschränkungen für Seltene Erden und damit verbundene Magnete nicht zurücknehmen, wird er am 1. November zusätzliche 100%ige Zölle auf chinesische Waren verhängen.

Seltene Erden: Chinas Trumpfkarte im Technologiekrieg

Im Zentrum des aktuellen Disputs stehen Seltene Erden – eine Gruppe von 17 Metallen, die für die Herstellung von Hochtechnologieprodukten unverzichtbar sind. Von Smartphones über Elektrofahrzeuge bis hin zu Präzisionswaffensystemen sind diese Elemente die Lebensader der modernen Industrie. China beherrscht den globalen Markt für Seltene Erden mit einem Anteil von über 80% an der Förderung und Verarbeitung. Die jüngsten Exportkontrollen Pekings werden von den USA als gezielter Angriff auf ihre High-Tech-Industrie und die nationale Sicherheit interpretiert. Finanzminister Bessent und Handelsvertreter Jamieson Greer verurteilten die Maßnahmen scharf als Bedrohung für globale Lieferketten.

Trumps Doppelstrategie: Harte Rhetorik und diplomatische Türen

Die Rhetorik von Präsident Trump war unmissverständlich hart. In einem Interview mit Fox Business Network bezeichnete er die chinesischen Exportbeschränkungen als unhaltbaren Akt, der ihn zu den Vergeltungszöllen "gezwungen" habe. Gleichzeitig zeigte er sich aber auch gesprächsbereit und kündigte ein Treffen mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping in zwei Wochen in Südkorea an. Seine Aussage "China will reden, und wir reden gerne mit China" signalisierte eine Öffnung und trug dazu bei, die frühen Verluste an der Wall Street am Freitag zu begrenzen. Diese Mischung aus Drohgebärde und Dialogbereitschaft kennzeichnet die US-Strategie: maximeller Druck, um an den Verhandlungstisch zurückzukehren – aber zu amerikanischen Bedingungen.

Die globale Dimension: WTO warnt vor verheerenden Folgen

Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklung mit wachsender Besorgnis. Die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO), Ngozi Okonjo-Iweala, appellierte an beide Seiten, die Spannungen zu deeskalieren. Ihre Warnung ist drastisch: Eine Entkopplung der Wirtschaft von USA und China könnte das globale Wirtschaftswachstum auf lange Sicht um bis zu 7% reduzieren. Die WTO hat sich bereits mit Vertretern beider Länder in Verbindung gesetzt, um einen verstärkten Dialog zu fördern. Die Ängste gehen über kurzfristige Marktturbulenzen hinaus; es geht um die Architektur des weltweiten Handels, die durch einen ungebremsten Konflikt zwischen den Supermächten nachhaltig beschädigt werden könnte.

Fundamentale Differenzen: Mehr als nur Zölle

Hinter den aktuellen Zollstreitigkeiten stehen tiefgreifende, systemische Konflikte. Die USA werfen China vor, mit staatlich gelenkter Wirtschaftspolitik und Subventionen massive Überkapazitäten in der Industrie aufzubauen, die den Weltmarkt mit billigen Waren überschwemmen. Finanzminister Bessent forderte den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank auf, eine härtere Haltung gegenüber Chinas "externen und internen Ungleichgewichten" einzunehmen. China seinerseits wirft den USA vor, das regelbasierte multilaterale Handelssystem systematisch zu untergraben, und kündigte an, seine Streitbeilegungsverfahren vor der WTO zu intensivieren. Es ist ein Kampf um die Grundprinzipien des globalen Wirtschaftens.

Fazit: Was bedeutet dies für die Märkte in den kommenden Wochen?

Das bevorstehende Treffen in Malaysia und der geplante Gipfel zwischen Trump und Xi werden die Richtung der globalen Märkte in den nächsten Wochen maßgeblich bestimmen. Die unmittelbare Reaktion der Aktienmärkte auf jede noch so kleine Nachricht – ob positiv oder negativ – zeigt die extreme Nervosität der Anleger. Sollten die Gespräche scheitern und die 100%igen Zölle am 1. November in Kraft treten, ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen. Die Inflation dürfte in den USA und weltweit angetrieben werden, da die Kosten für eine immense Bandbreite an Konsumgütern steigen. Technologieunternehmen, die auf Seltene Erden angewiesen sind, würden mit massiven Lieferengpässen und Kostenexplosionen konfrontiert.

Ein Erfolg der Gespräche hingegen, selbst wenn es nur eine Verlängerung der Status-quo-Vereinbarung wäre, würde die Märkte spürbar entlasten und eine Phase der Erholung einläuten. Die größte Gefahr für die Märkte ist nicht eine klare Entscheidung, sondern anhaltende Unsicherheit. Solange die Drohungen im Raum stehen, werden Unternehmen mit Investitionsentscheidungen zögern und Lieferketten nicht stabilisieren. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob USA und China bereit sind, einen wirtschaftlichen Abgrund zu überbrücken, oder ob sie bereit sind, hineinzuspringen in der Hoffnung, dass der andere zuerst nachgibt. Die Weltwirtschaft kann nur ersteres hoffen.

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