Eine neue Ära für Japan: Sanae Takaichi wird erste Premierministerin
Japan steht an einem historischen Wendepunkt. Mit der Wahl von Sanae Takaichi zur neuen Premierministerin hat das Land nicht nur eine gläserne Decke durchbrochen, sondern auch einen politischen Kurswechsel eingeleitet, der weitreichende Konsequenzen für die Wirtschaft, die Geopolitik und die Gesellschaft haben wird. Diese Wahl markiert das Ende einer langen Durststrecke für die Liberaldemokratische Partei (LDP) und den Beginn einer fragilen, aber strategisch klugen Koalition. Die Börsen reagierten unmittelbar mit Nervosität, ein Zeichen dafür, dass die Märkte die neue Führung genau unter die Lupe nehmen werden.
Ein historischer Sieg und die Geburt einer neuen Koalition
Sanae Takaichis Weg an die Spitze der japanischen Politik war alles andere als linear. Nach einer Niederlage im Rennen um den LDP-Vorsitz im Jahr 2024 gegen Shigeru Ishiba gelang es ihr schließlich im September dieses Jahres, die Parteiführung zu übernehmen. Doch die wahre Bewährungsprobe kam mit dem überraschenden Austritt der Komeito-Partei aus der langjährigen Allianz mit der LDP am 10. Oktober. Dieser Schock zwang Takaichi zu einem politischen Schachzug: der Bildung einer Koalition mit der Japan Innovation Party (JIP).
Diese neue Allianz ist das Ergebnis eines schnellen und pragmatischen Abkommens. Takaichi konnte die JIP durch Zugeständnisse in zentralen Politikbereichen gewinnen. Dazu zählen laut Reuters-Berichten:
- Eine Verringerung der Anzahl der Parlamentssitze.
- Die Einführung von kostenloser Hochschulbildung.
- Eine zweijährige Aussetzung der Lebensmittelverbrauchssteuer.
Interessanterweise scheint die JIP darauf zu verzichten, direkte Kabinettsposten zu übernehmen. Experten wie Tobias Harris von Japan Foresight deuten dies als strategische Vorsicht. Die JIP wolle sich nicht die Hände mit einer LDP binden, die nach wie vor unter historisch niedrigen Zustimmungswerten in der Bevölkerung leidet. Diese "Koalition von außen" gibt der JIP die Flexibilität, bei Unzufriedenheit leichter wieder auszusteigen – ein Faktor, der die Stabilität der neuen Regierung langfristig auf die Probe stellen wird.
Takaichis politisches Erbe: Die Rückkehr des Abenomics?
Wirtschaftspolitische Ausrichtung und geldpolitische Signale
Sanae Takaichi wird häufig als Verfechterin des "Abenomics" bezeichnet, der Wirtschaftsstrategie des ermordeten Premierministers Shinzo Abe. Diese basiert auf drei Säulen: einer lockeren Geldpolitik, fiskalischen Konjunkturprogrammen und strukturellen Reformen. Ihre bisherigen Äußerungen lassen darauf schließen, dass sie diesen Kurs fortsetzen und möglicherweise sogar intensivieren wird. Besonders bemerkenswert ist ihre kritische Haltung gegenüber Zinserhöhungen der Bank of Japan (BOJ), die sie bereits während des LDP-Parteiwahlkampfs 2024 deutlich machte.
Dieser Konfliktpotenzial zwischen der Regierung und der Zentralbank ist ein zentraler Punkt für Anleger. BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda hat betont, die Geldpolitik "ohne Vorurteile" zu gestalten. Eine Premierministerin Takaichi, die auf ultra-lockere Geldpolitik pocht, könnte hier zu Spannungen führen. Die unmittelbare Reaktion der Finanzmärkte – ein Rückgang der 10-jährigen Staatsanleihenrenditen und eine Schwächung des Yen – spiegelt die Unsicherheit wider, die mit dieser Konstellation einhergeht. Für die japanische Wirtschaft könnte dies bedeuten, dass die Phase des billigen Geldes vorerst weitergeht, was exportorientierte Konzerne stützt, aber die Probleme der hohen Staatsverschuldung und der Inflation langfristig verschärft.
Geopolitik unter Takaichi: Ein härterer Kurs gegenüber China
Auf der internationalen Bühne ist Takaichi für ihre hardline-Positionen bekannt. Sie befürwortet eine deutliche Stärkung der japanischen Verteidigungsfähigkeiten und hat sich für eine Revision der pazifistischen Verfassung ausgesprochen, die die Streitkräfte einschränkt. Ihre wiederholten Besuche im Yasukuni-Schrein, der als Symbol für Japans militaristische Vergangenheit gilt, haben in der Vergangenheit für diplomatische Verstimmungen mit China und Südkorea gesorgt.
Experten wie Kei Okamura von Neuberger Berman gehen jedoch davon aus, dass Takaichi als Premierministerin äußerst vorsichtig in ihrer Kommunikation sein wird. Trotz ihrer persönlichen Überzeugungen ist sie sich der Abhängigkeit Japans von seinen wichtigsten Exportmärkten, insbesondere China und den USA, vollkommen bewusst. Es ist daher wahrscheinlich, dass ihre Regierung einen schwierigen Spagat versuchen wird: einerseits die nationale Sicherheit und Souveränität zu betonen und andererseits die wirtschaftlich lebenswichtigen Beziehungen zu den Nachbarländern nicht nachhaltig zu beschädigen. Diese Balanceakt wird die außenpolitische Agenda der kommenden Monate dominieren.
Was bedeutet Takaichis Wahl für die Märkte in den nächsten Wochen?
Die unmittelbare Marktreaktion auf Takaichis Wahl war verhalten bis negativ. Der Nikkei 225 gab frühere Gewinne ab, und der Yen schwächte sich weiter ab. Dies deutet auf eine Phase der Unsicherheit und des Abwartens hin. Für die nächsten Wochen sind mehrere Szenarien denkbar:
- Fortführung der lockeren Geldpolitik: Sollte Takaichi erfolgreich Druck auf die BOJ ausüben können, um Zinserhöhungen weiter hinauszuzögern, könnte dies den Yen weiter unter Druck setzen und japanische Aktien, insbesondere Exporteure, kurzfristig beflügeln. Anleger sollten die Währungspaare und den Exportsektor im Auge behalten.
- Koalitionsstabilität: Die fragile Natur der Koalition mit der JIP wird ein ständiger Unsicherheitsfaktor sein. Jede Andeutung von Spannungen oder gar ein möglicher Bruch der Allianz könnte zu erheblicher Volatilität an den japanischen Finanzmärkten führen.
- Geopolitische Spannungen: Ein Zwischenfall, etwa ein neuer Besuch Takaichis im Yasukuni-Schrein oder eine scharfe rhetorische Auseinandersetzung mit China, könnte die Märkte verunsichern und sich negativ auf Branchen auswirken, die stark vom Handel mit China abhängen.
- Fiskalische Impulse: Die versprochenen Steuererleichterungen und Bildungsausgaben könnten die Binnennachfrage ankurbeln und Sektoren wie den Einzelhandel und den Bildungssektor unterstützen. Die Finanzierung dieser Maßnahmen wird jedoch kritisch beobachtet werden, da Japans Verschuldung bereits rekordhoch ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wahl von Sanae Takaichi einen politischen Neuanfang für Japan darstellt, der mit erheblichen wirtschaftlichen und politischen Risiken behaftet ist. Die Märkte werden in den kommenden Wochen vor allem auf zwei Dinge achten: die konkreten wirtschaftspolitischen Maßnahmen ihrer Regierung und ihre Fähigkeit, die fragile Koalition zusammenzuhalten und auf der internationalen Bühne einen ausgewogenen Kurs zu steuern. Die anfängliche Nervosität könnte sich legen, wenn es Takaichi gelingt, Stabilität zu demonstrieren und einen klaren, vorhersehbaren Wirtschaftskurs zu kommunizieren. Sollte dies nicht gelingen, könnte Japans historischer Regierungswechsel zu einer anhaltenden Belastungsprobe für die Märkte werden.