Neue Ära im Handelsstreit? USA und China vereinbaren Entspannung bei Seltenen Erden und Fentanyl
In einer überraschenden Wende haben sich die USA und China auf eine teilweise Entspannung ihres jahrelangen Handelskonflikts geeinigt. Bei einem Gipfeltreffen in Südkorea kündigten die Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping konkrete Schritte in den Bereichen kritische Mineralien und die Bekämpfung der Opioid-Krise an. Die Vereinbarungen deuten auf eine taktische Annäherung hin, die kurzfristig Handelsbarrieren senken und die Märkte beruhigen soll. Doch Experten fragen sich, ob dies ein nachhaltiger Waffenstillstand oder nur eine vorübergehende Pause im strategischen Wettkampf der Supermächte ist.
Seltene Erden: Ein Jahr Waffenstillstand im Rohstoffkrieg
Einer der wichtigsten Durchbrüche des Treffens betrifft Seltene Erden. Diese Metalle sind für die Herstellung von Hochtechnologieprodukten unverzichtbar, von Elektrofahrzeugen über Smartphones bis hin zu Waffensystemen. China dominiert den globalen Markt für diese kritischen Ressourcen mit einem Anteil von über 80% an der Förderung und Verarbeitung. Die neue Ein-Jahres-Vereinbarung soll die Versorgungssicherheit der USA mit diesen strategischen Gütern gewährleisten. Die Details des Deals sind noch unklar, doch die Ankündigung allein sorgte für Erleichterung in Industriekreisen und trieb den Aktienindex der chinesischen Seltene-Erden-Industrie um mehr als 2% in die Höhe.
Abhängigkeit als Verhandlungshebel
Die Abhängigkeit der westlichen Welt von chinesischen Seltenen Erden war lange Zeit ein großer strategischer Nachteil. Die Einigung zeigt, dass Peking diesen Hebel erkannt hat, ihn aber vorerst nicht mit voller Härte einsetzen will. Im Gegenzug für garantierte Abnahmemengen und stabile Preise scheinen die USA vorläufig auf weitere Eskalationsschritte zu verzichten. Die jährliche Neuverhandlung macht die Vereinbarung jedoch zu einem zerbrechlichen Konstrukt, das bei sich ändernden geopolitischen Rahmenbedingungen schnell wieder gekündigt werden könnte.
Fentanyl: Tarife als Werkzeug im Kampf gegen die Opioid-Krise
Ein weiteres zentrales Ergebnis des Gipfels ist die Halbierung der US-Sonderzölle auf Fentanyl-Vorläuferchemikalien aus China von 20% auf 10%. Diese Substanzen sind die Grundlage für die illegale Herstellung von Fentanyl, einer synthetischen Opioid-Droge, die in den USA eine verheerende Suchtkrise mit zehntausenden Toten pro Jahr verursacht. Die Zollsenkung adressiert eine der zentralen Forderungen Pekings, die bisher bemängelte, dass ihre eigenen Anstrengungen zur Unterbindung des Exports dieser Chemikalien von Washington nicht anerkannt worden seien.
Eine zweischneidige Strategie
Im Gegenzug für die Zollsenkung hat sich China verpflichtet, "sehr hart" daran zu arbeiten, den Fluss von Fentanyl und seinen Vorläufern in die USA zu stoppen. Diese Abmachung ist ein klassisches Beispiel für "Zuckerbrot und Peitsche". Die USA bieten wirtschaftliche Erleichterungen an, während China im Gegenzug konkrete Schritte zur Lösung eines innenpolitischen Problems der USA verspricht. Ob die chinesischen Behörden ihre Kontrollen tatsächlich so weit verschärfen können, um den Schmuggel signifikant zu reduzieren, bleibt abzuwarten. Der Erfolg dieser Maßnahme wird sich erst in den kommenden Monaten an den Fallzahlen der Opioid-Überdosierungen in Amerika zeigen.
Landwirtschaft und Technologie: Weitere Bausteine der Annäherung
Neben den großen Themen gab es weitere signifikante Zugeständnisse. China kündigte an, die Käufe von US-Sojabohnen und anderen landwirtschaftlichen Produkten wieder aufzunehmen. Dies ist eine wichtige Nachricht für die amerikanischen Farmer, die in den letzten Jahren unter den Handelsrestriktionen stark gelitten haben. An den Terminmärkten in Chicago fielen die Sojabohnen-Futures dennoch um 1,6%, was auf Skepsis hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Vereinbarung hindeuten könnte.
Halbleiter: Gespräche über Chips, aber keine Lösung für Spitzentechnologie
Im Technologiebereich, einem weiteren neuralgischen Punkt des Konflikts, wurden Fortschritte erzielt, die jedoch begrenzt sind. Präsident Trump bestätigte, dass über "viele Chips" gesprochen wurde, jedoch nicht über die fortschrittlichsten Blackwell-Chips des Unternehmens Nvidia. Dies lässt darauf schließen, dass die US-Exportkontrollen für Hochleistungschips, die für KI-Anwendungen und militärische Zwecke genutzt werden können, weitgehend bestehen bleiben. Die USA scheinen bereit zu sein, den Verkauf von weniger leistungsfähiger Halbleitertechnologie an China zu erlauben, um ihre eigene Halbleiterindustrie zu stützen, ohne dabei ihre nationale Sicherheit zu gefährden. Die Gespräche zwischen Peking und Unternehmen wie Nvidia werden fortgesetzt.
Persönliche Diplomatie vs. strukturelle Rivalität
Beobachter betonten die Rolle der persönlichen Beziehung zwischen Trump und Xi für das positive Ergebnis. Die Beschreibungen des Treffens als "erstaunlich" und die Betonung der "Freundschaft" deuten auf eine Chemie hin, die in der sachlichen Diplomatie oft fehlt. Der chinesische Staatsmedien betonten Xis Appell für "Dialog statt Konfrontation". Diese persönliche Ebene hat es ermöglicht, eine Eskalation zu verhindern und konkrete, wenn auch begrenzte, Ergebnisse zu erzielen.
Die Grenzen des guten Willens
Trotz der positiven Signale warnen Experten vor zu viel Optimismus. Grundlegende strukturelle Probleme, wie Chinas industrielle Überkapazitäten, Subventionspraktiken und die Frage der Menschenrechte, wurden bei diesem Treffen nicht angesprochen. Diese Themen sind der eigentliche Kern der Rivalität zwischen den beiden Ländern. Wie Wendy Cutler von der Asia Society Policy Institute anmerkte, bedeutet das Ausklammern dieser Punkte, dass der Waffenstillstand "zerbrechlich" ist und die Spannungen mit Sicherheit wieder aufflammen werden. Die Einigung ist eher ein taktischer Rückzug, um die Wirtschaft zu entlasten, als eine strategische Kehrtwende.
Fazit: Was die Annäherung für die Märkte in den kommenden Wochen bedeutet
Die Vereinbarungen von Busan markieren eine bedeutende Deeskalation im Handelskonflikt zwischen den USA und China, die kurzfristig positive Impulse für die globalen Märkte liefern wird. Die unmittelbaren Auswirkungen sind bereits sichtbar: gestiegene Kurse für Unternehmen der Seltene-Erden-Branche und eine gewisse Beruhigung an den Rohstoffmärkten. Für die nächsten Wochen ist mit einer Phase der relativen Stabilität und einem Aufatmen in den exportabhängigen Sektoren beider Länder zu rechnen.
Allerdings ist diese Entspannung auf wackeligen Füßen aufgebaut. Die Vereinbarungen sind kurzfristig angelegt, betreffen vorwiegend symptomatische Probleme und lassen die strukturellen Konfliktursachen unberührt. Die Märkte werden die Entwicklung genau beobachten müssen, insbesondere die konkrete Umsetzung der chinesischen Zusagen zur Unterbindung des Fentanyl-Handels und die tatsächlichen Abnahmemengen bei US-Sojabohnen. Sollten hier Rückschläge auftreten oder sollten neue geopolitische Reibungspunkte – etwa im Südchinesischen Meer oder bezüglich Taiwan – aufkommen, könnte die mühsam errungene Ruhe schnell wieder vorbei sein. Der Deal kauft Zeit, aber er löst die grundlegende Rivalität nicht. Investoren sollten die kurzfristige Erholung nutzen, sich aber nicht in falscher Sicherheit wiegen; die Volatilität im US-chinesischen Verhältnis bleibt ein Dauerzustand.