Wall Street im Aufwind: Starke Quartalszahlen trotzen Handelskonflikt mit China

Die US-Aktienmärkte zeigen sich am Mittwoch erholt und kämpfen sich nach einem turbulenten Handelstag zurück. Angetrieben von einer Serie überraschend positiver Quartalszahlen von Finanzschwergewichten gewinnt die Wall Street vor Börsenbeginn spürbar an Optimismus. Die anhaltenden Spannungen im Handelsstreit zwischen den USA und China, die am Vortag für erhebliche Verwerfungen sorgten, treten vorübergehend in den Hintergrund. Die Investoren konzentrieren sich stattdessen auf die robusten Fundamentaldaten der Unternehmen, die ein gesundes wirtschaftliches Umfeld trotz geopolitischer Risiken suggerieren.

Banken als Zugpferde: Finanzwerte beflügeln die Vormarktstimmung

Die Finanzbranche liefert die entscheidenden Impulse für die positive Grundstimmung. Nach positiven Berichten von Goldman Sachs und Wells Fargo am Dienstag setzten Bank of America und Morgan Stanley am Mittwoch noch einen drauf.

Die Aktie der Bank of America kletterte im Vormarkt um beeindruckende 4 Prozent. Der Finanzriese übertraf die Erwartungen der Analysten sowohl beim Gewinn pro Aktie als auch beim Umsatz. Ein wesentlicher Treiber war das überraschend starke Investmentbanking-Geschäft, ein Bereich, der in Zeiten hoher Zinsen oft unter Druck steht. Auch Morgan Stanley konnte mit Zahlen glänzen, die die Prognosen deutlich übertrafen, und legte daraufhin um etwa 2 Prozent zu. Diese starken Ergebnisse deuten darauf hin, dass die großen US-Banken die wirtschaftlichen Unsicherheiten besser meistern als erwartet und von der aktuellen Zinsumgebung profitieren können.

Der Elefant im Raum: Der eskalierende Handelskonflikt USA-China

Dennoch lauert im Hintergrund weiterhin ein riesiges Risiko, das die Märkte jederzeit wieder aus der Bahn werfen kann: der Handelsstreit zwischen den USA und China. Die jüngste Eskalationsstufe erreichte der Konflikt mit einer ungewöhnlichen Ankündigung von Präsident Donald Trump. Er drohte China mit einem Embargo für pflanzliches Kochöl als Vergeltung dafür, dass Peking keine US-Sojabohnen mehr kaufe. Diese Drohung markiert eine neue, unkonventionelle Front in dem jahrelangen Wirtschaftskrieg.

Die Reaktion der Märkte auf diese Entwicklung war gespalten. Während Technologiewerte unter den Handelsängsten litten, profitierten spezifische Agrarwerte. Die Aktien von Konzernen wie Bunge Global und Archer-Daniels-Midland, die als große Verarbeiter von Sojabohnen gelten, verzeichneten spürbare Kursgewinne. Die Anleger spekulieren offenbar darauf, dass ein US-Embargo für chinesisches Kochöl heimische Alternativen stärken und die Margen dieser Unternehmen erhöhen könnte.

Eine Chronologie der Eskalation

Die Drohung mit dem Kochöl-Embargo ist nur der jüngste Schritt in einer Reihe von Maßnahmen und Gegenmaßnahmen:

  • Exportkontrollen für Seltene Erden: China verhängte strikte Exportkontrollen für Seltene Erden, die für Hochtechnologie und Verteidigung unerlässlich sind.
  • Drohung mit 100% Zöllen: Als Reaktion darauf drohte Trump mit zusätzlichen Strafzöllen von 100 Prozent auf alle chinesischen Waren.
  • Sanktionen gegen US-Unternehmen: China weitete seine Sanktionen auf fünf US-Tochtergesellschaften des südkoreanischen Schiffbauers Hanwha Ocean aus.

Die Situation bleibt dynamisch. Der US-Handelsvertreter Jamieson Greer betonte, dass der Zeitpunkt der angekündigten Zölle vom weiteren Vorgehen Chinas abhänge. Diese ständige Unsicherheit hält die Märkte in Atem.

Widerstandsfähige Konjunkturdaten: Empire State Index überrascht positiv

Ein weiterer positiver Überraschungsmoment kam aus der realen Wirtschaft. Der Empire State Index, ein wichtiger Frühindikator für die Konjunktur in der Region New York, zeigte im Oktober eine unerwartet starke Belebung. Statt des erwarteten Rückgangs auf -1,8 schnellte der Index auf einen Wert von 10,7. Noch ermutigender sind die Komponenten des Berichts: Die Unternehmen blicken nicht nur positiver auf die aktuelle Lage, sondern sind auch optimistisch für die kommenden sechs Monate und planen, mehr Personal einzustellen. Diese Daten deuten darauf hin, dass die US-Wirtschaft trotz der geopolitischen Kopfschmerzen eine inherente Stärke besitzt.

Technologie und Halbleiter: ASML gibt einen Vorgeschmack auf die KI-Zukunft

Auch im Technologiesektor gab es erfreuliche Nachrichten. Die US-gehandelten Aktien des niederländischen Halbleiterausrüsters ASML stiegen um mehr als 4 Prozent. Der Grund war eine optimistische Umsatzprognose für das Jahr 2026 und die Betonung der Chancen durch Künstliche Intelligenz (KI). Der CEO des Unternehmens, Christophe Fouquet, erklärte, dass KI erheblichen Mehrwert für die Produktroadmap von ASML schaffe. Da ASML eine monopolähnliche Stellung bei der Herstellung von EUV-Lithografiemaschinen innehat, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass der langfristige Technologiezyklus, angetrieben durch KI, intakt bleibt – selbst wenn kurzfristige Handelskonflikte für Volatilität sorgen.

Die Analystenstimme: Warum starke Zahlen nicht alles sind

Trotz der überwiegend positiven Nachrichten mahnen erfahrene Marktbeobachter zur Vorsicht. Art Hogan, Chief Market Strategist bei B. Riley Wealth Management, äußerte die Ansicht, dass die Aktienmärkte vorerst seitwärts tendieren dürften. Seiner Meinung nach reichen selbst überzeugende Quartalsergebnisse nicht aus, um den Markt nachhaltig auf ein neues Rekordhoch zu treiben. Solange die Unsicherheiten durch den Handelskonflikt und einen möglichen drohenden Government Shutdown bestehen, werde sich die positive Stimmung nicht voll entfalten können.

"Je länger ein Shutdown andauert, desto größer ist der wirtschaftliche Schaden. Das untergräbt das Vertrauen und wird sich wahrscheinlich auch auf die Prognosen der Unternehmen in den Conference Calls auswirken", so Hogan. Erst mit mehr Klarheit in der Handels- und Haushaltspolitik könnten die guten Unternehmensdaten wieder als Rückenwind wirken.

Fazit und Marktausblick für die kommenden Wochen

Die aktuellen Entwicklungen zeichnen ein klares Bild für die nächsten Wochen: Der Aktienmarkt befindet sich in einem Tauziehen zwischen robusten Unternehmensfundamentaldaten und eskalierenden geopolitischen Risiken. Die starken Bankergebnisse und die positiven Konjunkturdaten beweisen die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft. Sie bieten einen soliden Fundament, der einen stärkeren Kursrutsch verhindern sollte.

Für die kommenden Wochen bedeutet dies:

  • Earnings Season im Fokus: Die Berichtssaison wird weiterhin der Haupttreiber für individuelle Aktien und die allgemeine Stimmung sein. Weitere positive Überraschungen könnten den Aufwärtstrend stützen.
  • Handelsnachrichten als Volatilitätsauslöser: Jede neue Ankündigung von Trump oder China bezüglich Zöllen, Embargos oder Sanktionen wird für sofortige und heftige Marktreaktionen sorgen. Die Volatilität wird hoch bleiben.
  • Seitwärtstrend mit Risiko nach unten: Solange keine klare Lösung des Handelskonflikts in Sicht ist, ist ein nachhaltiger Durchbruch zu neuen Rekordhöhen unwahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit eines Seitwärtstrends mit einer negativen Verzerrung ist hoch, da die Handelsrisiken die positiven Überraschungen überwiegen könnten.
  • Sektorrotation: Anleger werden verstärkt in Sektoren wie Basiskonsumgüter und Versorger flüchten, wenn die Handelsängste zunehmen, während Technologie- und zyklische Werte unter Druck geraten könnten. Gleichzeitig könnten spezifische Agrarwerte von den Handelsverwerfungen sogar profitieren.

Zusammenfassend steht der Markt an einem Scheideweg. Die innere Stärke der Unternehmen ist unbestritten, doch die äußeren politischen Risiken sind größer und unberechenbarer denn je. Die nächsten Wochen werden ein Prüfstein dafür sein, welcher dieser beiden Faktoren die Oberhand gewinnt.

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